Begegnung im Regen

Ich habe den Norden von Siegen erreicht. Es wirkt hier wenig einladend und ich möchte ohnehin gerne noch ein paar Kilometer gehen, etwas Strecke machen. Allerdings wird das Wetter zusehends schlechter. Na, ich riskiere es. Kaum habe ich Siegen hinter mir gelassen, wechselt der Nieselregen ziemlich plötzlich in starken Regen. Ich flüchte mich in einen jungen, dichten Fichtenwald, um dort unterzustehen. Noch ist der Boden trocken, was sich aber bald ändert. Überall tropft es jetzt.

So stelle ich mich so nah wie möglich neben den Stamm einer Fichte, um möglichst wenig Wind und Regen abzubekommen. Bewegungslos und angewurzelt wie eine Fichte stehe ich so da und sinniere über die Frage: „Ist das jetzt toll? Und wenn ja, wie lange noch?“ Und dann, nach etwa zwanzig Minuten, bemerke ich keine zwei Meter neben mir ein kleines, junges Reh. Keine sechzig Zentimeter groß mag es sein. Mit seinen großen, dunklen Augen schaut es tief in meine. Hat es sich womöglich in mich verliebt? Quatsch! Es muss mich für ein ausgestopftes Tier aus dem Naturkundemuseum halten. Und da frisst es da und dort noch ein wenig Gras und springt dann unbekümmert weiter.

Dafür kann man schon auch mal im Regen stehen.