Kippe oder Berg? Die Sophienhöhe

Ist es eine Kippe oder ein Berg? Die Kippe entstand seit dem Aufschluss des Tagebaus Hambach. Im Oktober 1978 wurde damit begonnen, die über dem Kohleflöz lagernde 170 Meter mächtige Erdschicht beiseite zu räumen und außerhalb der künftigen Grube als Außenkippe abzulagern. Inzwischen entstand auf einer Gesamtfläche von 13 Kubik­ kilometern eine etwa 200 Meter hohe Schüttung. Seit 1990 wird die Kippe nach Süden auf bereits ausgekohlten Tagebauflächen erweitert. Der Höhenunterschied bis zur Sohle des Tagebaus beträgt 600 Meter – eine Dimension wie in einem Mittelgebirge.
Der Berg entstand erst später, indem die Natur der zunächst nackten Kippe nach und nach ein einigermaßen gewöhnliches Aussehen schenkte, als bestünde auch dieser Berg seit langen Zeiten. Da aber jene Aktiengesellschaft, die den großen alten Wald beiseite räumte, um an die dicke Kohle zu kommen, den Berg für ihr Marketing benutzt, besteht bei nicht wenigen Menschen in der Region, insbesondere jenen, die den alten Wald vermissen oder ihr Heimatdorf verloren haben, eine gewisse Abneigung gegenüber dieser Kippe. Es scheint, nicht wenige Menschen hegen eine Aversion gegenüber dieser Landschaft. Wer den alten Wald nicht kannte oder zumindest das Entstandene nicht permanent mit dem Vergangenen in Vergleich setzt, kann auf der „Sophienhöhe“ genannten Kippe einer spannenden Frage folgen: Wie weit ist diese Kippe von kaum vorstellbarer Dimension schon zu einem landschaftlichen Berg geworden und wo lässt sich diese Wandlung beobachten?


Ein passender Ausgangspunkt wäre beispielsweise das Schloss Hambach im Ortsteil Hambach der Gemeinde Niederzier, unmittelbar westlich der Sophienhöhe gelegen. Am Rande der Sophienhöhe angekommen, stößt man auf eine Informationstafel, die den „Naturerlebnispfad Sophienhöhe“ als ein Erlebnis für Groß und Klein beschreibt. Ein vergleichsweise kleines und improvisiert aufgestelltes Schild direkt daneben warnt vor
Eichenprozessionsspinnern in dem Gebiet, die bei manchen Menschen gefährliche allergische Reaktionen auslösen können. So ist das eben mit der Natur – sie ist nicht idyllisch. Wenn dies auf einem Naturerlebnispfad deutlich wird, ist das sehr passend. Nicht gewarnt wird vor Bremsen, von denen es je nach Jahreszeit und Witterung reichlich geben kann, ebenso beeindruckend große Waldameisen.
Einige Gehminuten weiter lassen sich skulpturartige, senkrecht in der Erde steckende Holzpfähle entdecken, die im oberen Bereich zahlreiche Bohrlöcher aufweisen. Wie weit diese Insektenhotels den Insekten tatsächlich eine notwendige Hilfe sind, ist zumindest etwas fraglich. Auffällig und nahe am Wegesrand platziert, zeigen diese den Wandernden aber unübersehbar, wie sehr sich doch der Bergbaubetreiber um die Natur kümmert. Insektenhotels eignen sich hervorragend als Naturinszenierung.
An anderer Stelle warnt ein Schild davor, den Weg nicht zu verlassen: Symbolisiert zeigt
es eine mit erhobenen Armen in der Erde versinkende Person. Wer nicht erleben möchte, wie man in einem Moor einsinkt, sollte hier wohl besser auf den ausgewiesenen Wegen bleiben. Ob man zweihundert Meter tief durch die ganze Kippe hindurch bis auf die ehemalige Rasensode hinabsinken würde? In der Natur lauern stets auch gut versteckte Gefahren.
Hier auf dem gestalteten Naturerlebnispfad wird man frühzeitig vor eventuellen Gefahren gewarnt. Aber wird nicht dadurch dem eigentlichen Naturerlebnis ein ganz wesentliches Charakteristikum genommen? Wie viel Erlebnis darf es sein auf einem Natur­erlebnispfad? Ungefähr auf halber Höhe der Halde und dicht eingerahmt von Bäumen liegt der Kleine Inselsee. Auf der winzigen Insel in dem See wachsen nur wenige Bäume, auf denen aber mehrere Fischreiher ihre Nester haben. An anderer Stelle bedecken Seerosen die Wasserfläche bereits mit einem großflächigen Teppich. Bei meinem letzten Besuch schwärmten darüber eine Vielzahl an zierlichen, blau schimmernden Libellen. Alles schien am Hervorquellen. Die Lebendigkeit dieses Ortes kann einen berühren – umso mehr, als dass mit der Aufschüttung der Halde ja erst 1978 begonnen wurde, dieser See also schwerlich mehr als drei Jahrzehnte alt sein kann.
Die Internationale Union zur Erhaltung der Natur (IUCN) bewertet die entstandene Sophienhöhe als eine bemerkenswerte Leistung, die „als ein Zugewinn für die biologische Vielfalt der Region bewertet werden“ könne. Die Studie der IUCN hält es für möglich, dass in hundert Jahren „die neuen Wälder die gleiche große Biodiversität wie die alte Waldlandschaft, insbesondere der alte Eichenbestand, aufweisen“ könnte. (Quelle: Imboden, Dr. C. / Moczek, N.: Risiken und Chancen des Biodiversitätsmanagements und der damit verbundenen Einbeziehung der Stakeholder in dem von RWE betriebenen Braunkohletagebau Hambach. IUCN, 2015 Gland, CH) Die Aussage überrascht und unterscheidet sich deutlich von Positionen anderer Umwelt- und Naturschutzverbände. Am Ufer dieses kleinen Waldsees erscheint die Aussage der IUCN durchaus nachvollziehbar.

Ganz oben auf dem Plateau der rund 1.300 Hektar großen Sophienhöhe findet sich das sogenannte Höller Horn. Hier wurden 1990 auf einer etwa 17 Hektar messenden Fläche tertiäre Sande verkippt und der Sukzession überlassen, also nicht rekultiviert. Die hellen, nährstoffarmen Sande und Kiese mit nur sehr spärlichem Aufwuchs erinnern an Dünenlandschaften. Zwischen den Hügeln und Bodenwellen stehen vereinzelt Birken und junge Kiefern, da und dort finden sich auffällig große Fliegenpilze. Mittendrin steht ein hölzernes Bauwerk mit einer Wetterfahne, das dieser Mikro-Landschaft ganz passend eine zusätzliche besondere Note verleiht. Es soll an einen spätmittelalterlichen Förderturm einer Erzgrube erinnern, ebenso lässt es sich auch als eine freie Skulptur betrachten. Dieser Ort ist von besonderer Qualität, wie eine solche in den rekultivierten Bergbaulandschaften äußerst rar zu finden ist.
Ein solches Landschaftserlebnis kann man wohl nur zu Fuß erreichen. Und es ist für ganz junge Landschaften beinahe charakteristisch: Die eigene Fantasie findet in den noch
offenen Bereichen ebenso offene „Landeplätze“ für Assoziationen und für Vorstellungen, wie sich die Landschaft weiter entwickeln wird. In unseren gewöhnlichen Alltagslandschaften finden sich solche Momente nur selten. Der (aufgeforstete) Wald ist der Wald, die (gedüngte) Wiese ist die Wiese, der Acker ist der Acker. Die Landschaft hier oben auf der Kippe ist offener.
Ein Faltblatt „Wanderwege auf der Sophienhöhe“ informiert darüber, dass die Fläche am Höller Horn nicht betreten werden soll, um die wissenschaftliche Untersuchung der
Sukzession „nicht zu gefährden“.47 Wenn diese Fläche nun derart wertvoll ist, warum entstand und entsteht dann nicht einfach sehr viel mehr davon? Seit 1978 wurden hier dreizehn Quadratkilometer neues Land geschüttet, sowie über 3500 Hektar des alten Bürgewaldes zerstört – aber nun sollen just wandernde Menschen eine Gefährdung für die Natur oder die Wissenschaft darstellen? Echt jetzt?
Im Rahmen der „LandPartie Kohle ohne Ende?“ führte ich 2019 eine kleine Wandergruppe auf die Sophienhöhe. Als wir in dem offenen Bereich des oberen Plateaus angekommen waren, fuhren in einiger Entfernung drei Geländewagen durch die Graslandschaft. Die Jeeps kamen näher, stoppten neben uns, das Seitenfenster ging runter. Was wir hier wollten. Scheinbar waren wir ein paar Meter von den offiziell freigegebenen Wegen abgekommen. Die kräftigen Männer gaben sich alle Mühe, unfreundlich und mächtig rüberzukommen. Auch solche sozialen Strukturen prägen eine Landschaft.

Wenige Jahre später besuchte ich die Sophienhöhe erneut und gelangte ganz oben auf eine offene Hochebene. Dort ging ich weiter in Richtung des Horizonts, hinter welchem sich
ein Bergbaugerät ankündigte. Überraschend stieß ich auf dem Plateau auf einen kleinen
See, eher ein größerer Tümpel. Der spärliche, niedrige Bewuchs des Ufers ließ erkennen,
dass die Pflanzen hier erst vor kurzem Wurzeln geschlagen hatten. Doch das ununterbrochene Quaken der Frösche verriet, dass das Leben hier längst eingezogen war. Hoch darüber sangen Lerchen ihren ununterbrochenen melodischen hellen Gesang, was in mir Erinnerungen an die Landschaft meiner Kindheit weckte. Die Frösche und Lerchen – ob auch sie Begriffe und Unterscheidungen wie Kippe und Berg haben? Sehr wahrscheinlich nicht. Wie aber finden und wählen sie die Orte, an denen sie sich niederlassen – darunter auch solche, die es im Jahr zuvor noch gar nicht gab?
Zwischen die Töne der Lerchen und Frösche mischte sich ein tiefes, etwas dumpfes Dröhnen, das vom warmen Wind in Wellen herübergeweht wurde. Ich ging dem Sound entgegen und schon nach wenigen Metern öffnete sich der Blick auf den großen Absetzer, der sich schon zuvor angekündigt hatte. Von dessen weit auskragendem Ausleger ergossen sich ähnlich einem dünnen Wasserstrahl die Erdmassen in die Tiefe hinter die Geländekante. Die aus der Distanz fast filigran anmutende dunkle Silhouette des Absetzers zeichnete sich wie ein Scherenschnitt gegen das Blau des Himmels. Es war schwer zu fassen: Dieser Erdstrahl hatte über Jahrzehnte hinweg diesen gewaltigen Berg aufgehäuft. Auch an dieser Stelle: die Stunde Null der Landschaft nach der Kohle. An dieser markanten Aussicht drehte ich um und in weniger als zwei Stunden wanderte ich wie in einem Zeitraffer durch Wachstumsstadien aus mehreren Jahrzehnten.

Bei Veranstaltungen zum anstehenden Strukturwandel wird häufig die Frage aufgeworfen nach dem „game changer“, also die Frage nach einer Kraft, die „am ganz großen Rad“ zu drehen vermag. Eine Wanderung über die Sophienhöhe gibt dazu eine deutliche Antwort – die drei wichtigsten „Global Player“ in diesem Strukturwandel müssten folgende werden: Erstens die Natur. Zweitens die Natur. Und drittens die Natur. (Wobei das Klima selbstredend Teil der Natur ist.) Sinnlich zu entdecken und zugleich denkend zu erkennen wie ein zweihundert Meter hoch aufgeschütteter „Haufen“ durch die ungebrochene Kraft
der Natur innerhalb weniger Jahre wieder Teil der belebten Welt wird, ist eine kaum in Worte fassbare Erfahrung. Die Anstrengungen zur Rekultivierung der Kippe sollen nicht ausgeblendet oder geringgeschätzt werden – aber wachsen lässt letztendlich allein die Natur. Und ausgerechnet auf dieser Kippe – gegenüber vom „Hambi“ – tritt es deutlich vor Augen: Auf die Kraft der Natur ist Verlass.
Ist damit nun die eine, alles rettende Formel gefunden? Ganz so einfach ist es sicher
nicht. Da es nun einmal nur eine Natur gibt, so ist es auch die gleiche, die durch Dürren, Überschwemmungen, Tornados, Pandemien, Erdbeben und Tsunamis massenhaft Leben dahinrafft. Was wiederum aber nichts daran ändert, dass die Natur die grundlegendste Basis allen Lebens ist, sei es in einem Loch dreihundert Meter unter dem Meeresspiegel, sei es in der Vorstandsetage eines Energiekonzerns oder auf den Inseln im Rhein, die beim Jahrhundertniedrigwasser an die Oberfläche kamen.

Der obige Text ist entnommen aus dem Buch Letzte Kohle. Andere Landschaften.

AKTUALISIERUNG
Zum Ende 2029 (spätestens 2033) soll im Rheinischen Revier die Braunkohleverstromung enden. Nach der hieraus folgenden Stilllegung der Tagebaue Inden, Hambach und Garzweiler wird es geschätzt noch bis zum Jahr 2200 dauern, bis der durch den Bergbau sehr weiträumig und in bis vierhundert Meter Tiefe gravierend veränderte Wasserhaushalt wieder in einen stabilisierten Zustand zurück geführt sein wird – so lange wird die Reparatur der Folgen unseres Wohlstands (mindestens) dauern.
Doch das Spektakel und die Doktrin Wirtschaftswachstum akzeptieren keine Pause. Keine Besinnung. Die Einverleibung der Abraumhalde Sophienhöhe in die Welt, die alles der ökonomischen Verwertung zuführt, ist bereits in Gange: Oben auf dem Berg soll ein Besucher- und Informationszentrum gebaut werden, mit Zufahrtsstraße und mit Gastronomie mit Panoramaterrasse. In den Veröffentlichungen zu den Planungen wird dies nett umwölkt als Informationszentrum zum Landschaftswandel, welches „den landschaftlichen Wandel im Zusammenhang mit der Braunkohlevergangenheit sichtbar macht” – übersehen oder vertuscht wird aber zugleich, dass mit eben dieser touristischen und verkehrlichen Erschließung der Sophienhöhe die seltene Chance vertan wird, hier einen anderen Landschaftsraum außerhalb der üblichen Banalisierungen und Verwertungsmechanismen zu erhalten.
Informationen zur weiteren ökonomischen Erschließung der Abraumhalde finden sich auf der Website der Neuland Hambach GmbH.